Übergewicht, das früher mehr als ein ästhetisches denn als medizinisches Problem galt, ist nunmehr offiziell als beträchtliche Gefahr für die Volksgesundheit erkannt. Da der Anteil Übergewichtiger sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern in alarmierendem Ausmaß zunimmt, wird Übergewicht nicht länger als eine typische Krankheit des wohlhabenden Westens betrachtet.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht darin sogar eine «in Ausweitung begriffene Epidemie». Sollte nichts dagegen unternommen werden, könnten sich die Zahlen schon kurz nach der Jahrtausendwende verdoppeln. Übergewicht ist das Ergebnis zahlreicher Faktoren: übermäßige Nahrungsaufnahme, zu wenig Bewegung, genetische Veranlagung, Drüsenfehlfunktionen bzw. medizinische Probleme anderer Art. Auf dem 8. Internationalen Kongreß zum Thema, der vom 29. August bis zum 3. September d.J. in Paris stattfand, wurden diesbezüglich neueste grundlegende Erkenntnisse vorgestellt. Prof. Bernard Guy-Grand vom Pariser Hôtel Dieu, der auch den Kongreß leitete, sagte dazu: ...selbst wenn noch viele Fragen offen sind, verstehen wir heute die mit Übergewicht verbundenen Komplikationen und Risiken besser; die Krankheit als solche, aber auch die Formen des Übergewichts, die größere Gefahren mit sich bringen, können heute leichter erkannt werden". Zur Behandlung des Übergewichts und seiner Folgen - Erkrankung der Herzkranzgefäße, Schlaganfall, Diabetes und Arthrose - sind in den Industrieländern immer größere Anteile der Gesundheitsbudgets erforderlich.
Es ist also höchste Zeit, global zu handeln und eine Strategie zur Bekämpfung dieser Krankheit zu entwickeln. Einige Verbesserungen bei der Behandlung des Übergewichts sind, auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, aber bereits jetzt möglich:
- Es ist den Wissenschaftlern gelungen, Leptin zu isolieren. Das ist ein vom Fettgewebe abgegebenes Hormon, welches dem Gehirn bezüglich der Masse des eingelagerten Körperfetts Signale sendet. Fehlt es, kann es zu schwerer Fettleibigkeit kommen, die von Eßstörungen und einer zu geringen Ausschüttung von Hormonen aus der Hypophyse begleitet wird. Es könnte sein, daß dieses Leptin für Übergewichtige künftig eine ähnliche Rolle spielen wird wie das Insulin für Diabetiker, allerdings sind bis dahin noch weitere Untersuchungen notwendig.
- Des weiteren hat man beim Menschen neue, einfache Proteine gefunden, die mit Stoffen aus speziellen Fettgeweben bei Nagern verwandt sind. Diese einfachen Proteine setzen Energie vorzugsweise in Form von Wärme und nicht über Muskelarbeit frei bzw. bewirken primär keine Einlagerung. Abweichungen innerhalb dieser Proteine könnten eine Erklärung dafür liefern, warum Personen unterschiedlich zunehmen, obwohl sie genau das gleiche essen. Beobachtungen, die in diesem Zusammenhang bei Mäusen durchgeführt wurden, sind durchaus auf den Menschen übertragbar. Auch auf diesem Gebiet wird weiter geforscht.
- Auch die Kenntnisse über verschiedene Stoffe, die mit der Nahrung aufgenommen werden, konnten erweitert werden. Zwar ist die Bedeutung von Monoamiden und einigen Peptiden bereits hinreichend bekannt, es haben sich aber, dank der Entschlüsselung der Wirkungsmechanismen neuer Peptide - des Aguti-Proteins bzw. Orexins - neue Möglichkeiten zur Entwicklung geeigneter Medikamente aufgetan.
- Obwohl das hypothetische «Fettleibigkeitsgen» nach wie vor schwer faßbar ist, konnten eine Reihe genetischer und anderer Faktoren identifiziert werden, die für eine gewisse Veranlagung verantwortlich sind. Durch weiterführende Untersuchungen gelang es, verschiedene Typen von Fettleibigkeit mit ihren dazugehörigen genetischen Eigenschaften zu beschreiben. Im Ergebnis dessen könnten neue diagnostische Werkzeuge und individuelle therapeutische Strategien entwickelt werden.
Während die Wissenschaftler weiter nach neuen Behandlungsmethoden bei Übergewicht suchen, arbeiten die IASO (International Association for the Study of Obesity's) und die IOTF (International Obesity Task Force) gemeinsam mit der WHO an einem dreijährigen Aktionsprogramm, das die Sensibilisierung der Regierungen für diese neue Epidemie zum Inhalt hat. Das Augenmerk liegt dabei mehr auf einem vernünftigen Management des Gewichts und nicht so sehr auf einem kurzfristigen, extremen Gewichtsverlust. Prof. Stephan Rossner vom Karolinska-Institut in Stockholm und Vorsitzender in Wahlfunktion bei der IASO führt dazu aus: "Wir möchten das Problem früher angehen und auch Gewichtsproblemen bei Kindern mehr Aufmerksamkeit schenken; Fragen der körperlichen Betätigung und Ernährung müssen im Interesse der Gewährleistung eines gesünderen, aktiveren Lebensstils komplett überdacht werden." Eine ausgewogene Ernährung und körperliche Betätigung sind erste Schritte im Kampf gegen das Übergewicht.
FOOD TODAY 12/1998