Die klassische Risikoanalyse von Lebensmitteln, die in den 1990er Jahren entwickelt wurde, umfasst drei Stufen: Beurteilung, Handhabung sowie Mitteilung von Risiken. Allerdings sind einige Wissenschaftler der Ansicht, dass dieses Modell - und dessen praktische Umsetzung – keine Antworten auf die Fragen bereitstellen, die sich die Verbraucher zu den brennendsten Themen der Lebensmittelsicherheit stellen.
Das „SAFE FOODS“-Projekt
SAFE FOODS, ein von der EU finanziertes integriertes Projekt (Laufzeit von April 2004 bis Juni 2008), hat als direkte Antwort auf die Sorgen der Verbraucher eine ganzheitlichere Betrachtung der Lebensmittelsicherheit entwickelt. Das Projekt brachte 37 Konsortialpartner zusammen, darunter führende europäische Forschungseinrichtungen für Lebensmittel, Organisationen, Universitäten sowie Partner aus Südafrika und China.
SAFE FOODS hatte die Aufgabe, Verbrauchersorgen zur Lebensmittelsicherheit zu erkennen, diese Sorgen zu hierarchisieren sowie zu ermitteln, wie die derzeit verfügbaren Mittel (z. B. Technologie, Überwachung und Regulierungsprozesse) genutzt werden können, um besser auf die Bedürfnisse der Verbraucher zu reagieren.
SAFE FOODS verwendet einen multidisziplinären Ansatz, um die verschiedenen Aspekte der Risikoanalyse von der wissenschaftlichen Risikoabschätzung bis zur Kommunikation mit Verbrauchern zu untersuchen. Eine Erkenntnis ist, zur Optimierung dieses Prozesses alle vorhandenen nationalen Erfahrungen heranzuziehen, um eine paneuropäische oder allgemeine Sichtweise zu erarbeiten.
Nationale Informationen international verfügbar machen
SAFE FOODS hat eine Online-Datenbank entwickelt, in der 400 Experten für Lebensmittelsicherheit aus 260 Organisationen in über 35 Ländern erfasst sind. Regierungen und Behörden werden durch diese Datenbank in der Lage sein, schnell die geeigneten Fachleute zu finden.
Weiterhin hat das Team von SAFE FOODS einen voll einsatzfähigen internetbasierten Transferpunkt geschaffen, über den registrierte Mitglieder nationales Wissen über neu aufkommende Probleme und Gefahren der Lebensmittelsicherheit austauschen können. Diese Technologie beschleunigt die Gefahrenerkennung durch Kompilation von Übersichten aus über 300 nationalen sowie EU-betriebenen Initiativen, die sich mit den Problemen der Lebensmittelsicherheit befassen. Obwohl die Datenbank immer noch in den Kinderschuhen steckt, haben bereits mehrere nationale und europäische Organisationen bekundet, diese nutzen zu wollen.
Apfelstrudel = tarte aux pommes?
Obwohl die Länder Daten über Lebensmittelverzehr, Nahrungsschadstoffe sowie -toxine sammeln, sind die Vergleichsmöglichkeit der Daten aus verschiedenen Ländern im Allgemeinen eingeschränkt, da Lebensmittel in jedem Land anders verschlüsselt und die Daten anders gesammelt werden. SAFE FOODS überwand diese Hürde durch Nutzung des harmonisierten Verschlüsselungssystems des Codex Alimentarius, das Nahrungsmittelprodukte (z. B. Apfelkuchen) in landwirtschaftliche Rohstoffe (z. B. Äpfel, Mehl, Zucker, Butter) übersetzt. Durch die Umcodierung der nationalen Daten konnte SAFE FOODS eine Simulation durchführen, mit der ermittelt wurde, ob die Unterschiede zwischen den nationalen Daten durch unterschiedliche Konsumgewohnheiten oder Überwachungspraktiken zu erklären sind.
Technologie auf dem neuesten Stand
SAFE FOODS erforschte weiterhin, inwiefern hochmoderne Technologien zur Maximierung der Nutzung verfügbarer Daten integriert werden können. Im Rahmen des Projekts wurde die Zusammensetzung von Kartoffeln und Mais unter Einsatz einer innovativen „-omik“-Technologie analysiert. Mit dieser Technologie können Wissenschaftler Analysen der Zusammensetzung von Kulturpflanzen durchführen, die früher unmöglich waren und bei denen Tausende Parameter auf einmal (z. B. Gene, Proteine und Stoffwechselprodukte) gemessen werden. So lässt sich vorherbestimmen, ob durch das Einschleusen eines neuen Gens in ein Maiskorn unbeabsichtigte Änderungen seiner Zusammensetzung herbeigeführt werden, und Risikomanager könnten verstehen, inwiefern der Anbauprozess des Getreides (z. B. Nanotechnologie, Gentechnik, Organik) den Nährwert des Nahrungsmittels beeinflusst.
Verbesserung der Risikokommunikation
SAFE FOODS führte eine Verbraucherstudie durch, um zu ermitteln, wie die Risikokommunikation optimiert werden kann. Daraus ergab sich, dass die Risikoinformation an den Bedarf der Verbraucher angepasst sowie Unsicherheiten und Schwankungen minimiert werden sollten, indem Informationen über Nahrungsmittelrisiken koordiniert werden. So empfiehlt das Projekt, dass die Kommunikation auf dem Gebiet des Nahrungsmittelrisikomanagements gesetzgeberische Prioritäten, Vorkehrungsmaßnahmen, Umsetzungsaktionen sowie die Sachkenntnis der Nahrungsmittelrisikomanager beinhaltet.
Modernisierung des Modells zur Analyse des Nahrungsmittelrisikos
Viele Fachleute betonen, dass das klassische Risikoanalysemodell bei den meisten Routineentscheidungen auch weiterhin anwendbar ist, wenn es um unstrittige Themen geht. SAFE FOODS ist jedoch der Ansicht, dass strittige Themen in einem breiteren Kontext eingeschätzt werden sollten, als es derzeit der Fall ist. Hier unterbreitet SAFE FOODS Best-Practice-Empfehlungen zur Verbesserung des klassischen Risikoanalysemodells, um den Vorgang der Risikoanalyse zu optimieren.
Einige Empfehlungen, wie die Einbeziehung von Interessensvertretern in die Risikoanalyse, sind bereits teilweise in den Regulierungsprozess aufgenommen worden. Die Europäische Kommission hat zu den Themen Nahrungskette sowie Tier- und Pflanzengesundheit eine Beratergruppe und eine Dialoggruppe der Interessenvertreter geschaffen. Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde ihrerseits hat eine Beratungsplattform für die betreffenden Parteien eingerichtet.
Auf anderen Gebieten besteht weiterhin Forschungsbedarf, z. B. bei der Erarbeitung von technischen Leitfäden zur „-omik“-Technologie sowie von Schulungsprogrammen darüber, wie die Ergebnisse dieser Analysen zur Entscheidungsfindung verwendet werden sollten.
Obwohl das Projekt SAFE FOODS fast abgeschlossen ist, steckt die Entwicklung seiner zum Nachdenken anregenden Methodik nach wie vor in den Anfängen.
Literatur
Promoting Food Safety through a New Integrated Risk Analysis Approach (SAFE FOODS). European Commission Sixth Framework Programme Contract n° FOOD-CT-2004-506446
Für weitere Informationen (in Englisch):
www.safefoods.nl
FOOD TODAY 05/2008