Die Farm-to-Fork-Strategie der EU: Können wir das europäische Lebensmittelsystem gesünder und nachhaltiger gestalten?

Zuletzt aktualisiert : 08/03/2022

Im Jahr 2050 müssen auf der Welt 10 Milliarden Menschen satt werden. Gleichzeitig stehen wir vor den größten ökologischen, klimatischen und gesundheitlichen Herausforderungen der Menschheitsgeschichte.1 Wie werden wir die zukünftige Weltbevölkerung ernähren, ohne unseren Planeten weiter zu belasten? Wie stellen wir den Zugang zu ausreichender, sicherer und nahrhafter Nahrung für alle sicher? Und wie sorgen wir dafür, dass Lebensmittel im Rahmen fairer Lieferketten bezahlbar bleiben? All diese großen Fragen gilt es anzugehen. Die Farm-to-Fork-Strategie (kurz F2F-Strategie) der Europäischen Kommission2 zielt darauf ab, unseren Übergang zu einem fairen, gesunden und umweltfreundlichen Lebensmittelsystem zu beschleunigen.

Was ist die F2F-Strategie? Wann wurde sie eingeführt?

Die F2F-Strategie wurde am 20. Mai 2020 vorgestellt und ist Teil des europäischen Grünen Deals. Mit diesem Fahrplan will die Europäische Union (EU) bis 2050 die weltweit erste klimaneutrale Region werden. Die F2F-Strategie ist eine umfassende Zehnjahresstrategie, die darauf abzielt, die Herausforderungen der Produktion und des Konsums unserer Lebensmittel auf faire und nachhaltige Weise anzugehen, indem wir unsere Nahrungsmittel mit den Kapazitäten unseres Planeten in Einklang bringen. Sie beabsichtigt, Umwelt- und Klimaauswirkungen zu verringern, die mit der Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren und konsumieren, zusammenhängen. Die F2F-Strategie hat dabei das Ziel, die Ernährungssicherheit und die Gesundheit der Bürger durch den Zugang zu ausreichenden, nahrhaften und nachhaltigen Lebensmitteln zu gewährleisten und die Erschwinglichkeit von Lebensmitteln zu wahren, während gleichzeitig fairere wirtschaftliche Erträge für alle Beteiligten in den Lieferketten erzielt werden. Dies ist das erste Mal, dass die EU einen solchen ganzheitlichen Ansatz für den Übergang zu nachhaltigen Lebensmittelsystemen vorschlägt. Dieser beinhaltet Maßnahmen und Ziele für jeden Schritt in der Lebensmittelkette, von der Produktion über die Verarbeitung und den Vertrieb bis zum Konsum.2

Wie funktioniert die F2F-Strategie?

Die F2F-Strategie hat sechs Hauptziele2:

  • Gewährleistung einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion,
  • Gewährleistung der Ernährungssicherheit,
  • Förderung nachhaltiger Lebensmittelverarbeitungs-, Großhandels-, Einzelhandels-, Gastgewerbe- und Gastronomiepraktiken,
  • Förderung eines nachhaltigen Lebensmittelkonsums und Erleichterung der Umstellung auf eine gesunde, nachhaltige Ernährung,
  • Reduzierung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung,
  • Bekämpfung von Lebensmittelbetrug entlang der Lebensmittelversorgungskette.

Damit die EU diese umfassenden Ziele erreichen kann, skizziert die Strategie auch eine Reihe konkreter Ziele, die in jedem Bereich erreicht werden müssen. Beispielsweise müssen bis 2030 25 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch bewirtschaftet werden. Außerdem sollen der Einsatz von Chemikalien und bestimmten Pestiziden in der Landwirtschaft um 50 % reduziert sowie der Verkauf von antimikrobiellen Mitteln für Nutztiere und Landwirtschaft in der EU um 50 % reduziert werden.

Darüber hinaus enthält der Plan mehrere Maßnahmen, die von der Europäischen Kommission (EK) in den kommenden Jahren durchgeführt werden sollen, damit die Akteure des Lebensmittelsystems diese Ziele erreichen können. Beispielsweise hat die EK für das erste große Ziel (Gewährleistung einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion) einen Aktionsplan aufgestellt. Dieser soll Anreize für den Agrarsektor schaffen, sich an Praktiken wie der Kohlenstoffbindung (Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre, sodass es nicht zur Erwärmung dieser beitragen kann) und Anbaumethoden, die die Biodiversität fördern, zu beteiligen. Um den Übergang zu einer gesunden und nachhaltigen Ernährung zu unterstützen, wird die Kommission Vorschriften und Rahmenbedingungen für die Lebensmittelkennzeichnung vorschlagen, damit die Verbraucher in der Lage sind, gesundheitsbewusste und nachhaltige Lebensmittel auf einen Blick zu erkennen und diese dann leichter auswählen können. Um Lebensmittelverluste und -verschwendung zu reduzieren, wird die EK eine Überarbeitung der EU-Vorschriften zur Datumskennzeichnung (Verbrauchsdatum und Mindesthaltbarkeitsdatum) vorschlagen, um die Verwendung und das Verständnis dieser Angaben zu verbessern.

Gemeinsam zielen alle Maßnahmen darauf ab, das EU-Lebensmittelsystem zu einem globalen Standard für Nachhaltigkeit zu machen. Bis Mitte 2023 wird die Strategie überprüft, um festzustellen, ob die ergriffenen Maßnahmen zur Erreichung der Ziele ausreichen werden oder ob zusätzliche Maßnahmen erforderlich sind.2

Was bedeutet die F2F-Strategie für die zukünftige Ernährung in Europa?

Die F2F-Strategie ist ein ehrgeiziger Fahrplan für ein nachhaltigeres Lebensmittelsystem. Allerdings müssen noch einige Herausforderungen gemeistert werden, damit die Strategie zu einem echten Gamechanger werden kann. Eine zentrale Herausforderung bei der Umsetzung der Strategie besteht darin, dass die Kommission das Konzept und die allgemeinen Grundsätze nachhaltiger Lebensmittelsysteme noch nicht klar definiert hat. Doch ohne ein gemeinsames Verständnis dieses mehrdimensionalen Konzepts ist es schwierig, kohärente Ziele, einen angemessenen Systemansatz und klare konkrete Verpflichtungen zu formulieren – dabei brauchen alle Beteiligten genau das.3 Die Europäische Kommission ist dabei, eine Rahmengesetzgebung für nachhaltige Lebensmittelsysteme zu entwickeln, um die Umsetzung zu unterstützen, und beabsichtigt, diese bis Ende 2023 vorzuschlagen.

Eine weitere große Herausforderung besteht darin, dass die F2F-Strategie in einigen Bereichen einige klare Ziele vorgibt, die bis 2030 erreicht werden sollen (z. B. in Bezug auf den Einsatz von Pestiziden und den ökologischen Landbau), in anderen Bereichen jedoch unkonkret bleibt. Außerdem beziehen sich einige Ziele auf einen bestimmten Teil des Lebensmittelsystems, ohne ausdrücklich auf mögliche damit verbundene Folgen für andere Teile des Systems einzugehen (zum Beispiel wird das Ziel, 25 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch zu bewirtschaften, sich auch auf die Handhabung nach der Ernte, die Logistik sowie die Geschäftspläne zahlreicher Lebensmittelsystemakteure, im Vertrieb und Einzelhandel usw. auswirken). Weitere Kritikpunkte sind, dass die Strategie bestimmte Themen wie Genome Editing und Biotechnologie überhaupt nicht angeht. Darüber hinaus bestehen Bedenken, ob die Mitgliedstaaten genügend Ehrgeiz bei der Umsetzung der F2F-Strategie in Rechtsvorschriften und anschließend in Aktionspläne zeigen werden.4

Die Beteiligung und das Engagement aller Stakeholder, einschließlich der europäischen Lebensmittelhersteller, -verarbeiter, Einzelhändler und Verbraucher, sind entscheidend für die erfolgreiche Umsetzung der Strategie und für eine wirklich nachhaltige Veränderung des europäischen Lebensmittelsystems. Bis 2024 sind eine Vielzahl unterschiedlicher Handlungsschritte geplant – es bleibt also noch viel zu tun. Ein starkes Engagement der EU-Mitgliedstaaten, eine mehrstufige Koordinierung zwischen der EU und den Regierungen der Mitgliedstaaten sowie eine stärkere inter- und intrainstitutionelle Zusammenarbeit sind erforderlich, um sicherzustellen, dass die F2F-Strategie ihr volles Potenzial entfalten kann.

References

  1. Willett, W., Rockström, J., Loken, B., Springmann, M., Lang, T., Vermeulen, S., ... & Murray, C. J. (2019). Food in the Anthropocene: the EAT-Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems. The Lancet, 393(10170), 447-492.
  2. European Commission Communication COM/2020/381 (2020). Communication from the Commission to the European Parliament, the Council, the European Economic and Social Committee and the Committee of the Regions: A Farm to Fork Strategy for a fair, healthy an
  3. European Commission SCAR SWG Food Systems Policy Brief (2019) The added value of a Food Systems Approach in Research and Innovation. Luxembourg: Publications Office of the European Union.
  4. Schebesta, H., & Candel, J. J. L. (2020). Game-changing potential of the EU’s Farm to Fork Strategy. Nature Food, 1(10), 586–588.
  5. SAPEA, Science Advice for Policy by European Academies. (2020) A sustainable food system for the European Union. Berlin: SAPEA.